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Tour: Outside Festival

 

Interpret / Band:  Bowie, David

Location:  Peisnitzinsel, Halle/Saale

Datum:  28.06.1996

Kategorie:  Rock

  

  

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Tour: Outside Festival

 

Interpret / Band:  Bowie, David

Location:  Peisnitzinsel, Halle/Saale

Datum:  28.06.1996

Kategorie:  Rock

  

  

Kommentar
Leider war im Juni 1996 an die Fertigstellung der A14 noch nicht zu denken. Es gab zwar sicherlich schon Pläne, die Großstädte Magdeburg und Halle durch eine Autobahn miteinander zu verbinden, aber die lagen damals noch in irgendeiner Schublade. Also gab es nur eine Möglichkeit, um mit dem Auto nach Halle zu kommen: über die B71. Hier tummelte sich allerdings alles, was Räder hatte. Zum Glück waren wir (Lisa und ich) früh genug losgefahren, denn kurz vor Halle ging nichts mehr. Wir kamen nur noch im Schritttempo vorwärts, was aber wiederum den Vorteil hatte, dass wir in aller Seelenruhe vorbeikommende Passanten nach dem Weg fragen konnten.
 
Die Peissnitzinsel ist eine Art Stadtpark im Herzen von Halle ? wenn das ziemlich heruntergekommene Halle überhaupt noch so etwas wie ein Herz hat. Peissnitzinsel ist nicht nur Name, sondern auch Programm. Das ziemlich große Gelände wird nämlich ringsherum von der Saale umflossen. Wir parkten irgendwo am Rande des Parks und mussten dadurch noch ein ganzes Stück laufen. Das war aber angesichts des tollen Wetters ein richtiges Vergnügen. Das Konzertgelände wurde von einem riesigen (extra dafür aufgestellten) Zaun abgeschirmt, der zudem noch mit schwarzen Planen verhängt war, damit man von außen auch ja nichts sehen konnte. Die ganze Absperrung muss einen riesigen Aufwand verursacht haben. Wahrscheinlich hatten dadurch mehrere Hundertschaften von ABM-Kräften eine ganze Weile alle Hände voll zu tun.
 
Eigentlich waren wir mit Thomas verabredet. Er hatte auswärts zu tun und wollte mit seinem Transporter nachkommen. Um ehrlich zu sein glaubte ich nicht recht daran, dass wir uns dort finden würden. Das Festival war zwar nicht so übermäßig gut besucht, dass man Angst haben musste, keine Karte mehr zu bekommen, aber voll wurde es dann doch (zumindest vorn an der Bühne, wo wir standen). Um so größer war dann unsere Überraschung, als Thomas plötzlich doch auftauchte (keine Ahnung, wie er uns in dem Getümmel gefunden hatte) und so tat, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.
 
Im Vorprogramm von Bowie spielten gleich drei Gruppen. Das war angesichts des relativ geringen Eintrittspreises von schlappen 55 DM geradezu ein Überfluss. Das Festival begann mit dem Auftritt der mir bis dahin völlig unbekannten deutschen Band Instant Karma. Danach folgten Ash aus Großbritannien und der legendäre (und phantastische) Iggy Pop. Zu diesem Vorprogramm findet Ihr gesonderte Kritiken. Klickt einfach auf den entsprechenden Link.
 
Ich weiß nicht mehr genau, ob David Bowie pünktlich begann, aber wenn nicht, dann war die Verspätung unerheblich und hatte auch nichts mit eventuellen Starallüren zu tun, sondern eher damit, dass die Vorgruppen leicht überzogen hatten. Vor seinem Auftritt wurde die Bühne fast komplett mit Leinentüchern verhängt und mit allerlei morbidem Zeug dekoriert. So hingen beispielsweise vom Zeltdach der Festivalbühne in Stoffe gehüllte Schaufensterpuppen und einzelne (Schaufensterpuppen-)Gliedmaßen herab. Das alles vermittelte einen ziemlich beklemmenden Eindruck, was wohl auch so gewollt war. Die ganze Deko passte natürlich ganz genau zur Thematik des letzten Bowie-Albums ?Outside?, in dem es ja bekanntermaßen um einen Detektiv einer nicht genau bezifferten Zukunft geht, der sich mit sogenannten Kunstmorden beschäftigt ? also Morden, deren Opfer in Museen ausgestellt werden, weil der Mord selbst ein Kunstwerk darstellt. Ganz schön abgefahren, oder? Angesichts des immer rapideren moralischen Verfalls unserer Gesellschaft eine vielleicht gar nicht so abwegige Geschichte...
 
Doch zurück zum Konzert. Fotografieren war nur beim ersten Titel erlaubt ? und dies auch nur ?handverlesenen? Fotojournalisten. Leider waren die Ordner sehr unnachsichtig, wenn jemand aus dem Publikum das Blitzlicht flackern ließ. Da wir ziemlich weit vorn am Bühnenrand standen, waren wir quasi unter ständiger Beobachtung. Trotzdem gelang es Lisa ein paar Schnappschüsse zu machen. Sie ist in solchen Sachen immer furchtbar mutig.
 
David Bowie war an diesem herrlichen Frühsommerabend richtig gut drauf. Natürlich ist er ein absoluter Profi, was seinem souveränen Auftreten vom ersten Augenblick anzumerken war. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ihm dieses Konzert besonders viel Vergnügen bereitete. Wieso ich da so sicher bin? Fast das gleiche Konzert wurde einige Tage später auf der Loreley aufgenommen und im Rahmen der ARD-Sendung ?Rockpalast? übertragen. Auf der Loreley war das Publikum bestimmt zwanzig Meter von der eigentlichen Bühne entfernt. Wir hingegen standen fast direkt davor (deshalb vielleicht auch die vielen unnachgiebigen Ordner). Bowie schien die Nähe zum Publikum sichtlich zu genießen. Vielleicht irre ich mich, aber für einen Musiker seines Ranges ist es eventuell auch nichts Alltägliches mehr, so dicht am Publikum zu agieren. Gleich von Beginn an flogen allerlei ?Goodies? auf die Bühne. Ich war überrascht, dass Bowie im Osten Deutschlands so viele (wahrscheinlich weibliche?) Fans hatte! Aber damit nicht genug: David ließ das ganze auf die Bühne geworfene Zeug nicht einfach unbeachtet, sondern baute es sehr gekonnt in seine Show ein. Irgendjemand hatte sogar einen ?Playboy? nach vorn geworfen (wer kommt denn auf so was?). Kein Problem für Bowie. Er hatte seine Spaß daran ? und das Publikum auch! Am besten gefiel ihm allerdings ein kleiner Teufel (eine Handpuppe aus dem Kaspertheater). Da dieser diabolische Freund ganz gut zum ziemlich düsteren ersten Teil des Konzerts passte, wurde er von Bowie so perfekt in die Show eingebaut, dass man fast den Eindruck bekam, er hätte vorher hinter der Bühne diesen Teil eingeübt. Am Ende der Performance gab David die (von ihm geadelte) Handpuppe der früheren Besitzerin zurück, die vor Freude und Glück gar nicht wusste, wie ihr geschah.
 
Der erste Teil des Auftritts bestand wie gesagt aus Stücken des letzten Bowie-Albums ?Outside?. Die Begleitband war natürlich brillant besetzt und sorgte für einen perfekten Sound. An den Keyboards stand Bowies alter Weggefährte Mike Garson. Reeves Gabrels, der ebenfalls eine sehr souveräne Leistung ablieferte, begleitet Bowie bereits seit den ?Tin Machine?-Tagen. Leider stand ich etwas weit rechts, so dass viele seiner Soli nur sehr schwach an meine Ohren gelangten (weil sie von den anderen Instrumenten an meiner Boxenfront übertönt wurden). Dafür hörte ich die phantastische Bassistin und Background-Vocalistin Gail Ann Dorsey um so besser. In ihrem schwarzen Outfit passte sie außerdem sehr gut zur düsteren Bühnendekoration. Der mir bis dahin unbekannte Drummer Zachary Alford lieferte einen soliden Rhythmus, ohne dabei allerdings besonders in den Vordergrund zu treten. Diese Schicksal teilt er wohl mit vielen seiner Berufskollegen.
 
Mit ?Telling Lies? stellte Bowie einen neuen Titel seines erst später veröffentlichten ?Earthling?-Albums vor. Der Song gefiel mir auf Anhieb. Live spielt Bowie ihn etwas aggressiver, als auf dem Studioalbum. Danach kamen dann zahlreiche Klassiker aus David Bowies schier unerschöpflichen Reservoir an ?All-Time-Favourites?. Er hat über dreißig Jahre Musikgeschichte mitgeschrieben und dabei zahlreiche Musiker und ganze Generationen beeinflusst ? sei es mit seiner Musik oder mit seiner Art, sich darzustellen. Für ihn wäre es ein Leichtes, mehrere Konzertabende mit Klassikern aus seinem Schaffen zu füllen. Leider war aber auch diese Konzert irgendwann einmal zu Ende. Obwohl wir mehrere Stunden am Stück gestanden hatten und uns eigentlich sämtliche Knochen wehtaten, waren wir so fasziniert, dass wir die Schmerzen (und den riesigen Hunger und Durst, der sich mittlerweile aufgestaut hatte) erst am Ende so richtig spürten. Lisa, Thomas und ich saßen noch eine ganze Weile am Bühnenrand und quatschten ausgiebig miteinander, um das Gesehene erst einmal richtig zu verarbeiten. Ein sehr gelungenes Festival ging damit (leider) zu Ende.